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Die Hütte platzt...

1dohsemmer Wenn eine Wanderung schon so früh ausgebucht ist, muss das ja ein gutes Zeichen sein. Vor allem, wenn die Tour von einer Behausung ohne Strom, Wasser und WC spricht. Aber letztendlich hat der Titel „Platz ist in der kleinsten Hütte“ das gehalten, was er versprochen hat. Und das war ein Hüttenzauber ganz nach Art der Albvereinsjugend!

2heidanei Mit sieben Wandersfrauen und -männern ging es schwer bepackt am allzu frühen Morgen des 23. Juni in Stuttgart am Hauptbahnhof los. Frisch versorgt mit Kaffee, Hörnle und Brezel, der Morgenzeitung und einem Schlaf-Sitz-Platz im Pendolino nach Balingen konnte der Tag erst mal ruhig begonnen werden. Hatte doch der Wanderführer etwas erzählt von „30 Kilometer“, „3 Berge“ und „vielleicht auch abkürzen“. Doch so richtig an die Wirklichkeit kam dann keine der Vorstellungen der Teilnehmer.

Die TorTour startet in Balingen, kurz nach neun Uhr, mit einem Schlenker über den Markt, auf der Suche nach den letzten Backwaren für den Tag. Schritt für Schritt gewöhnt sich der Rücken an die schweren Rucksäcke, die Ausrüstung und Proviant für zwei Tage enthalten. Zwischen den Häusern hindurch ist hin und wieder ein Blick auf den Lochenstein zu erhaschen – so nah und doch so fern. Denn statt direkt nach Süden führt der Weg erst einmal gen Osten, um schließlich nach neun Stundenin einer weiten Schleife am Tagesziel anzukommen. Kurz hinter Balingen geht es durch den Wald über den Binsenbol, an Burg Hirschberg vorbei und über den Höchst. In der Tat atemberaubend, doch (noch) nicht wegs des Panoramas. Wir sind nun über dem Berg, in der Zählung Nummer eins, und der schmale Weg führt durch sumpfiges Gelände und brusthohes Gras. Ein stetes „Napf-Napf“ begleitet jeden unserer Schritte. Derweil führt der Weg wieder bergab. Würden wir streng nach Höhenmetern rechnen, hieße es wohl „wie gewonnen, so zeronnen“, doch wir erfreuen uns auch hier wieder an Neuem und Schönem. 3rucksacksilhuette Im Tal durchqueren wir Zillhausen, machen einen Ausflug zum Wasserfall, babbeln, verschnaufen und nehmen geistig schon wieder den jenseitigen Anstieg in Angriff. Dort auch körperlich angekommen wird es wieder ruhiger. Zum monotonen Schnaufen gesellt sich das Pochen des Pulses in den Ohren und das Platschen der Schweißtropfen auf dem Boden. Oberhalb des Bergrutsches an der Riese ist der Blick zurück frei: Zillhausen, Frommern, Balingen, der kleine Heuberg, ganz hinten der Schwarzwald.Nach ein paar Schritten mehr sind wir „oben“ auf der Alb. Hier geht es erst einmal flach weiter aber der Magen rappelt auch schon. Am Böllat windet es giftig, Nieselregen stellt sich ein, und so schön die Aussicht hier auch sein mag, den Lochenstein deutlich und erschreckend weit weg vor Augen, suchen wir einen gemütlicheren Rastplatz. Den finden wir zwei Kilometer und einen Sattelbogen weiter auf der Schalksburg.
4strahlemann Frisch gestärkt geht es im Wechsel von Sonne und Wolken hinunter nach Laufen, bevor der Weg gleich gegenüber wieder den Berg hinaufführt. Auf dem ersten Drittel bretzelt die Sonne voll auf uns herunter, natürlich jetzt im Anstieg! Erst im Wald ist an etwas Abkühlung zu denken, bevor es noch einen (fast) letzten Stich hinauf geht, bis wir wieder oben sind. Mit weichen Füßen streichen wir über die Wiesen des Hülenbuch bis vor zum Hörnle. Und gönnen uns eine Runde tiefstes Glücklichsein, mit Blick zurück auf unseren Weg. Von hier ab ist es noch eine Stunde bis zur Lochenhütte. Jetzt fällt der Weg leicht, übermütig springen wir über die Felder. Und an einem Gebirgsjägerdenkmal (!) vorbei, mit einem nachdenklichen Moment. 5wassertrger In der Jugendherberge am Lochen wird noch mal kurz pausiert – und die zahlreichen Wassersäcke und Faltkanister mit Hahnenwasser befüllt. Kurz darauf geht es, schwerer bepackt denn je, den für heute wirklich allerletzten Anstieg hinauf zur Hütte. Im Gepäck: gut 60 Liter Wasser.
Oben angekommen zieht es alle aber wieder hinaus auf den Gipfel. In der schönen Abendstimmung betrachten wir noch einmal unseren Weg. Und lauschen dem Abend, wie er hereinbricht. So wird auch erst spät zu Abend gekocht. Mit Tessiner Risotto und Schinkennudeln ist die Speiseauswahl reichhaltig, bedenkt man doch, dass wir alles mitschleppen mussten. Auch eine fehlende Saite an der Hüttengitarre stört uns nicht. Irgendwann gegen Mitternacht wird es aber massiv ruhig. Der Tag steckt uns in den Knochen: 24 Kilometer und über 1.400 Höhenmeter vergisst man nicht so leicht.
6justlike Das Bergsteigerfrühstück besteht aus Brot, Butter, Gsälz und den Resten vom Vorabend. Auch Instant- Kaffee hat sich unter den Proviant gemogelt. Vom frühen Aufstehen wollte niemand etwas wissen, wir genießen die Hütte und das Frühstück, draußen bricht derweil ein heißer Sommertag an. Wir packen in aller Ruhe und machen uns auf den Weg zu einer verkürzten Route. Am Rande der Wanderkarte lockt ein Badesee, der Blick in den wolkenfreien Himmel lässt das eine gute Idee erscheinen.
Doch vorher bleibt es nicht leicht. Abstecher zum Wenzelstein und auf den Gespaltenen Fels müssen sein. Dann steht der Plettenberg vor uns, dazwischen ein 270 Meter tiefes Tal. Doch die Füße sind es gewöhnt, die Rucksäcke nach der Nacht leichter und die Stimmung nach wie vor ganz weit oben.
11danke Ein paar Stunden später sind wir klitschnass. Erst vom Schwitzen, dann vom Wasser. Sicherlich waren die sieben Wanderer, die sich am Stausee in Schömberg die Kleider runtergerissen haben und in der Unterwäsche in den See gesprungen sind ein etwas seltsamer Anblick. Aber eines ist sicher: an diesem Tag hatten wir den meisten Spaß! Und an diesen zwei Tagen das schönste Wochenende.

Text: Florian Engster
Bilder: Olly Arnold